Josquins Unsterblichkeit

Eine musikalisch-magische Versuchsanordnung

Auch heute glauben sehr viele Menschen an einen Einfluss der Sterne auf unser Leben. Anfang des 16. Jahrhunderts war dies eine universell anerkannte Tatsache. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass der damals berühmteste Komponist Josquin Desprez auf den Gedanken kam, planetare Energien in seine Musik einfließen zu lassen und sie beim Singen der Musik angereichert ins All zurück zu schicken.Um 1510 entstanden vier Kompositionen, die alle aufeinander Bezug nehmen und sich ebenfalls stufenweise anreichern. Die musikalischen Motive stammen dabei aus Josquins eigenen früheren Werken. Der Komponist speichert also auch seine Biografie in diesen Stücken. Sie gipfeln im Stück „Plus nulz regretz“ („Nie wieder Trauer“). Der Text spricht davon, wie durch die Planeten ein neues goldenes Zeitalter entstehen wird. Die Musik ist von Kanons beherrscht, die mathematische Gesetze verwirklichen. Durch die Verwendung astronomischer Maße meinte Josquin offenbar, Kontakt mit dem All herzustellen. Hierdurch sollte seine Musik und letztlich er selbst unsterblich werden. Gut, dass die Inquisition das offenbar nicht verstand oder wahrnahm!
Unsere heutige Auffassung von Musik ist sehr nah an diesen Ideen. Musik vertritt heute häufig religiöse Riten und wir führen Meisterwerke der Vergangenheit immer wieder auf, so dass ihr Geist und die in ihnen gespeicherte Zeit immer wieder aufleben.

Diese Aufführung stellt eine musikalisch-magische Versuchsanordnung dar, die diese Geburtsstunde unserer heutigen Vorstellung vom musikalischen Kunstwerk erleben lässt.

 

L’ultima parola

(Axelle Bernage Cantus
Tony Denis Tenor
Csongor Szántó Tenor
Romain Bockler Bariton
Joel Frederiksen Bass
Bernd Oliver Fröhlich Tenor Altus und Leitung

Clemens Goldberg, Konzept, Rezitation und künstlerische Leitung

Die Aufführung ist jetzt als Film zu sehen:

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