Tempus fugit – Ockeghems Missa Prolationum

 

 

 

Dies ist das dritte große Projekt der Stiftung. Es handelt sich um eine Art klingende Philosophie der Zeit. Johannes Ockeghems (ca 1420 – 1497)  Missa Prolationum ist eines der anspruchsvollsten und faszinierendsten Werke der Musikgeschichte, vergleichbar etwa mit Bachs Kunst der Fuge.

Die gesamte Messe ist in Kanons durchgeführt, in der Regel mit zwei unterschiedlichen Kanonpaaren. Als weitere Besonderheit kommt hinzu, dass vielfach alle vier Stimmen trotzdem gemeinsam beginnen, wie man am ersten Kyrie in unserem Klangbeispiel hören kann. Die Stimmen sind zwar von der Tonhöhe her identisch, bewegen sich aber durch jeweils verschiedene Taktvorzeichnungen (in der Terminologie der Zeit: Tempus und Prolatioin verschiedenem Tempo. Erst nach einer gewissen Zeit gehen sie, verursacht durch eine Verkleinerung der Notenwerte, nicht mehr weiter auseinander. Man kann geradezu von einer Vorahnung der Relativitätstheorie sprechen. Der Titel des Projekts spielt auf die Technik der “Fuge” bzw. des Kanons an, aber auch auf die Tatsache, dass diese Zeittechnik die “fliehende Zeit” aufzuhalten sucht.
Wie in Bachs Goldberg-Variationen (jede dritte dieser Variationen ist ein Kanon), verändert sich zusätzlich noch das  Einsatz-Intervall der Stimmen von der Prim bis zur Oktav.

Diese Messe wird wegen ihrer horrenden Schwierigkeit nur sehr selten aufgeführt. Aber auch der Hörer wird durch nie dagewesene und nach wie vor einmalige Stimmverläufe besonders fasziniert und herausgefordert.

In der bewährten Technik des Slow Listening werden die komplizierten und kaum beim Hören sonst erkennbaren Verläufe sinnlich erfahrbar und verständlich gemacht. Als Interpunktion der Musik werden Texte von der Antike bis zur Gegenwart zum Thema Zeit-Wahrnehmung-Musik rezitiert.

Die Messe wurde von 4 SängerInnen aus dem Ensemble Musica Universalis intepretiert, die auch schon an den früheren Projekten beteiligt waren:

Bernd Oliver Fröhlich (musikalische Leitung), Axelle Bernage, Olivier Coiffet und Guillaume Olry.
Künstlerische Gesamtleitung, Konzeption und Rezitation: Clemens Goldberg

Das Projekt wurde am 16. Mai 2019, 20 Uhr im ehemaligen Krematorium Wedding, dem Silent Green, aufgeführt. Die Mahnung des Todes erschien uns für dieses Projekt besonders sinnvoll zu sein. Hinzu kommt der seit zwei Jahren perfekt hergerichtete und als neuer Aufführungsort zunehmend für besondere Projekte genutzte Kuppelraum, der dem Renaissance-Raumideal entspricht.

 

 

 

Noch mehr Details kann man hier sehen:

Programmbuch